Einleitende Worte
Liebe Kongressteilnehmerinnen und Kongressteilnehmer,
wir möchten Ihnen beispielhaft drei Referenten unseres Kongresses vorstellen sowie einen Autor zum Thema ICF, die mit Ihren Gedanken den "roten Faden" unseres Kongresses weben. Allen gemeinsam ist, dass sie von verschiedenen Ausgangspunkten aus zu vergleichbaren Ergebnissen gekommen sind: der Informatiker Rolf Pfeifer, der Arzt Thomas Fuchs, die Entwicklungspsychologin Ida Stockman und die Arbeitsgruppen der WHO bei der Entwicklung der ICF. Sie alle haben die Überzeugung gewonnen, dass man den Menschen als Teil eines Systems begreifen muss, als etwas, das man nur verstehen und behandeln kann, wenn man das System Mensch-Umwelt begreift und die Wechselwirkungen berücksichtigt. Wir möchten unter diesem Aspekt der „Vernetzung“ die vier Autoren inhaltlich kurz einführen.
Prof. Dr. Pfeifer (ETH Zürich, Artificial Intelligence Lab) beschreibt die Umkehr der Sichtweise in der Entwicklung künstlicher Intelligenz (Robotik) weg von immer komplexerer Software (Schachcomputer) hin zu einfachsten Robotern, die einen Körper besitzen und sich in einer physikalischen Umwelt bewegen (Motor) und orientieren (Sensoren). Motor und Sensoren werden mit einfachen Regeln (Organisation) miteinander verknüpft – aber erst in der Interaktion mit den Umwelteigenschaften entsteht Verhalten.
„Wir schreiben Intelligenz nur „agents“ zu, die verkörpert sind, d.h., realen physikalischen Systemen, , deren Verhalten wir beobachten können, während sie mit der Umwelt interagieren“ „ Dieser „embodied turn“ hat über die Robotik hinaus Auswirkungen auch für ein tieferes Verständnis biologischer Intelligenz und seiner Entwicklung. Erst das embodiment „...ermöglicht Erkennen und Denken: mit anderen Worten – es ist eine Voraussetzung für jegliche Art von Intelligenz“
Zur Konstruktion seiner Roboter und ihren Aktionen schreibt Prof. Pfeifer: „Verhalten ist immer das Ergebnis einer Interaktion von System und Umwelt – es ist emergent ...“ und fährt fort, es „... kann dem agent somit nicht direkt einprogrammiert werden.“
Zur Erläuterung:
Unter Emergenz (lat. emergere: auftauchen sich zeigen) versteht man in einem System das spontane sich Herausbilden von Eigenschaften durch das Zusammenspiel seiner Elemente. Die emergenten Eigenschaften des Systems lassen sich dabei nicht auf die Eigenschaften seiner Elemente zurückführen.
Ein sehr einfaches Beispiel für ein System ist Wasser. Seine Elemente sind zwei Wasserstoffatome und ein Sauerstoffatom. Sobald sie sich zusammenfügen, entsteht Wasser. Keines der Atome hat auch nur eine einzige Eigenschaft von Wasser. Keines ist nass und fließt; keines verdampft bei 100 Grad und keines gefriert bei Null Grad. Umgekehrt hat Wasser keine einzige Eigenschaft seiner Atome. Wasser können wir so analysieren, dass seine Eigenschaften als System im Vordergrund sind, oder so, dass wir diese zerstören. Wenn wir Wasser in seine Teile zerlegen, finden wir zwar auch Interessantes, aber das System ist verschwunden. Fügen wir sie zusammen, ist das System wieder da. Zwei der wichtigsten Eigenschaften von Systemen sind hier schon auf der Ebene der elementaren Chemie zu sehen: das Zusammentreffen von bekannten Teilen und das Entstehen von etwas Neuem, das man nicht aus der Summe der Einzelteile vorhersagen kann. In den Systemwissenschaften nennt man das Emergenz. Wasser ist ein „einfaches“ Beispiel. Das System ‚Gehirn’ ist unendlich viel komplexer.
(Aristoteles formulierte schon: „das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“)
Prof. Dr. Fuchs (Universitätsklinikum Heidelberg) setzt sich kritisch mit dem Ansatz auseinander, psychische und neurologische „... Krankheiten primär als materielle Vorgänge im Gehirn anzusehen und damit von den Wechselbeziehungen der Person zu ihrer Umwelt zu isolieren. ... Das Gehirn für sich wäre nur ein totes Organ. Lebendig wird es erst in Verbindung mit unseren Muskeln, Eingeweiden, Nerven und Sinnen, mit unserer Haut, unserer Umwelt und mit anderen Menschen. ... Wir müssen schon leiblich in der Welt sein, mit ihr in Beziehung stehen, uns bewegen und agieren können, damit wir überhaupt etwas von ihr wahrnehmen.“
Unter dem Aspekt der Entwicklung thematisiert Prof. Dr. Ida Stockman (East Lansing, Universität Michigan) die komplexen dynamischen Wechselwirkungen für Verhalten und Kognition: „Wirklichkeitserfahrung hat eine unausweichlich dynamisch-physische Dimension, zunächst wegen der durch die Bewegung in der Umwelt hervorgerufenen Veränderungen. Der Lernende bewegt sich. Andere Leute bewegen sich. Leblose Gegenstände werden durch natürliche Kräfte und durch Menschen, die sie berühren, bewegt. Das Problem für die Entwicklungsforscher, die in der Tradition Piagets stehen, besteht darin, zu erklären, wie sich das Kind mit den dynamischen, komplexen und sogar unordentlichen Situationen der täglichen Lebenserfahrung auseinandersetzt, um dadurch angepasstes nichtverbales und verbales Verhalten zu entwickeln.“ Sie führt zum Thema „embodied cognition“ weiter aus, daß ...“ ...die Theorie des embodiment den Geist als verwurzelt in einem System von Aktionen und als emergentes Produkt des Gehirns ansieht. Im Gegensatz zu historischen Tendenzen, den Körper vom Geist zu trennen, wird das Gehirn als lebendiges, sich selbst organisierendes System angesehen, das vom Rest des Körpers nicht zu trennen ist. Gehirn und Körper sind verwickelt verbunden beim Hervorbringen intelligenten Verhaltens, das aus physikalischen und sozialen Interaktionen in alltäglichen Erfahrungen resultiert... Piaget`s Entwicklungstheorie ist in ähnlicher Weise begründet.“
Dr. rer.pol. Michael F. Schuntermann (Arbeitskreisleiter DIMDI für die deutsche Übersetzung der ICF) schreibt in seiner Einführung in die ICF: „Funktionale Probleme sind nicht mehr Attribute einer Person, sondern sie sind das negative Ergebnis einer Wechselwirkung. ... Die alte Streitfrage, ob eine Person im Sinne der ICF behindert ist oder behindert wird, wird mit dem bio-psycho-sozialen Modell dialektisch gelöst, da ‚Behinderung’ als negative Wechselwirkung zwischen dem Gesundheitsproblem und den Kontextfaktoren einer Person betrachtet wird.“
Wechselwirkung (Interaktion) zwischen Person und Umwelt - das ist uns im Therapiezentrum Burgau vertraut. Es ist die Grundlage unseres Verständnisses von Rehabilitation.
Interaktion zwischen Person und Umwelt erfordert einen Körper, der als Teil der wirklichen physikalischen Welt deren Gesetzmäßigkeiten (Schwerkraft, Ursache-Wirkungs-Regeln) unterliegt. Die uns umgebende Wirklichkeit verändert sich ständig, und um sich in ihr orientieren oder handeln zu können, benötigen wir Information. Handeln im Alltag bedeutet, mit Gegenständen zu interagieren, um die Wirklichkeit verändern zu können. Dazu ist gespürte Information unerlässlich, die sich mit anderen Sinnesinformationen und gespeicherter Erfahrung in einer komplexen Organisation verbindet.
Primäres Ziel in der Frührehabilitation ist es, Grundlagen für weitere Fortschritte zu schaffen indem wir die Reorganisation des Gehirns unterstützen, um die verlorengegangenen Fähigkeiten und Funktionen wiederherzustellen. Von Anfang an muss sich die Rehabilitation an dem Kriterium der Verbesserung der Partizipation (ICF) messen lassen. Neben der bestmöglichen Wiederherstellung der individuellen Fähigkeiten des Patienten kommt dabei den Kontextfaktoren in Form von personaler Assistenz und engagierter Einstellung, Hilfsmitteln, kompensatorischen Hilfen und fördernden Umweltgestaltungen ebenso Bedeutung zu.
Wie lernt ein Mensch, erst recht ein Mensch mit einem geschädigten Gehirn? Wie können wir Einfluss auf das „System Mensch-Umwelt“ und damit auf den Patienten als Teil dieses Systems nehmen? Welche Fähigkeiten oder „Eigenschaften“ dieses Systems Person-Umwelt können wir zielgerichtet in der Rehabilitation beeinflussen und wo können wir versuchen, Voraussetzungen für die „Emergenz“ einer besseren (Hirn)Organisation, eines angemesseneren Verhaltens zu schaffen? Und wie können wir in der Frührehabilitation das interdisziplinäre Team für die Förderung der grundlegenden Lebensbereiche (Aktivitäten ICF) vernetzen?
Das ist der rote Faden unseres Kongresses.
Dr. Volker Peschke Dr. Berthold Lipp
Kongressleiter


